Dienstag, 11. Oktober 2011

Lieber F.,

Vielleicht bin ich einfach dazu verdammt, die Dramaqueen zu sein. Die, die immer alles ausdiskutieren muss, die immer Fragen stellen muss, die man nicht stellen sollte, die am liebsten jeden Tag anrufen würde, um zu hören, dass es dem anderen gut geht, die nicht schlafen kann, wenn ihrem Gefühl nach 'etwas nicht stimmt', die aus Unsicherheit und magelndem Selbstwertgefühl ständig eifersüchtig ist, die in alles viel zu viel hinein interpretiert, die schnell eingeschnappt ist und es einfach nicht hinbekommt, so 'cool' zu sein, wie andere sie sich wünschen, die allem zu viel Bedeutung beimisst, die unentspannt ist, die den Moment nicht einfach genießen kann, die mit 'lockeren' Bindungen nichts anfangen kann, die Aufmerksamkeit von anderen einfordert, die meistens zu viel redet, wenn es nicht angebracht ist, die die Stimmung eines perfekten Moments zerstört, weil sie noch  unbedingt etwas loswerden muss, die sich grundsätzlich über alles den Kopf zerbricht. Vielleicht bin ich dazu prädestiniert, die zu sein, die nach einem harmlosen Kuss in Liebeskummer und Selbstmitleid versinkt.

Ich habe, das kann ich aufrichtig von mir behaupten, mit allen Mitteln versucht, 'cool' zu sein. Ich wollte nicht wieder die sein, die ich nunmal bin. Die Dramaqueen.
Ich kann nicht leugnen, was ich bin.
Ich bin an dem Punkt, an dem ich loswerden muss, was seit 18 Tagen in mir brodelt.

Sollte ich zu dem Schluss kommen, dass du das hier lesen sollst, entschuldige ich mich hiermit dafür, dass ich dich damit belästige. Texte wie diese stellen immer eine Belastung dar.
Mir braucht niemand erzählen, dass das schon in okay ist, denn das ist es nicht. Es bedrückt mich und meine Probleme bedrücken auch die, denen ich sie anvertraue, ob das nun bewusst geschieht oder unbewusst.
Ich bin nicht sicher, ob ich das aufschreibe, um es einfach loszuwerden, oder mit der Absicht, dir es irgendwann zum Lesen zu geben mit der Hoffnung, dass du darauf reagierst. Ich bin sicher, dass du das nicht tun wirst, oder zumindest nicht in der Form, wie ich mir das vorstelle. Dennoch klammere ich mich an die Hoffnung. Mein Gedanke ist immer, dass man etwas wie das hier nicht einfach wortlos stehenlassen kann, wenn einem etwas an dem anderen liegt. Der Gedanke hat sich schon oft als aussichtlose Hoffnung herausgestellt. Oder aber den Leuten lag einfach tatsächlich nichts an mir.
Trotz meiner Hoffnung oder Erwartungshaltung will ich dich nicht zu einem Statement drängen. Zu etwas zwingen kann ich dich sowieso nicht.
Je mehr du allerdings auf meine Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Offenheit nicht reagierst, je mehr du mir nicht etwas entgegenbringst oder zurückgibst, von dem ich glaube, dass es - gemessen an deiner Persönlichkeit und den damit verbundenen potenziellen Möglichkeiten - gleichwertig ist, desto mehr gelange ich zu der Überzeugung, dass du nicht der Mensch bist, den ich in dir sehe, dass ich mich getäuscht habe. Ich verlange nicht das Unmögliche von dir, ich wünsche mir nur, zu sehen, dass du versuchst, mir entgegenzukommen. Das habe ich ab und an bereits, und ich wünsche mir, dass es diesmal auch der Fall sein wird, falls du dies lesen wirst.

Ich wollte meine Klappe halten, wollte nicht die unentspannte Spaßverderberin sein, wollte dich nicht mit Gefühlen nerven, mit denen du sowieso nichts anfangen kannst, die augenscheinlich an dir abprallen.
Es geht nicht, ich bin nunmal die überempfindliche, emotionale Dramaqueen. Ich habe mich damit abgefunden und du wirst damit leben müssen oder auch nicht, das ist deine Entscheidung.

 Der Donnerstagabend im [Bar] war ein sehr schöner Abend, aus zwei Gründen.

Ich habe, zumindest bilde ich mir das ein, einen ganzen Abend lang den anderen, den sonst versteckten, oder mir zumindest nicht zugänglichen, den 'Weichei'-F., wie du ihn einst nanntest, kennengelernt, der Gefühle und Gedanken geäußert hat und mich teilhaben ließ.
Du nanntest mich deine beste Freundin und sagtest mir ganz spontan und direkt, dass du mich sehr magst.
Ich habe bekommen, worauf ich seit langem warte, was ich mir schon lange wünsche, was ich für mich persönlich einfach gebraucht habe.

Das ist einer der Gründe. Der andere ist, dass alles, was später dann 'passiert ist', wirklich schön war.

Ich habe Angst, dass du aber genau ebendies bereust.
Ich habe Angst, dass es unsere Freundschaft belastet.
Ich habe Angst, dass das, was ich gerade schreibe, mich deine Freundschaft kostet.

Ich würde alles genau so wieder tun.
Ich kann dich noch spüren. Immer noch. Jeden Tag.
Ich träume nachts nicht mehr. Das liegt zum einen daran, dass ich meinen Traumvorrat schon durch Tagträume aufbrauche, und zum anderen daran, dass ich nicht mehr lange genug am Stück schlafe, um in die Traumphase zu rutschen.

- Während ich dies gerade schreibe, kommen mir die Tränen, und ich bin nicht sicher, woran es liegt -

Ich bin eifersüchtig, wenn du J. Komplimente für ihr Foto bzw. ihr Aussehen machst, und es tut mir weh, wenn du mir sagst, dass du Zeit mit deiner Freundin verbracht hast.
Das war früher auch so, das ist nichts Neues, aber das Gefühl ist stärker geworden.


Wie schon gesagt, habe ich das Gefühl, dass der F., den ich an diesem Abend erlebt habe, der 'eigentliche' F. ist. Es ist ein Bauchgefühl, ich kann nichts daran ändern. Du auch nicht, also versuch es gar nicht erst. Du kannst so oft sagen, wie du willst, dass man das Gesagte aufgrund des Alkohols nicht ernst nehmen kann. Ich glaube es nicht.
Ich glaube nicht, dass du liebe Worte und sanfte Gesten mir gegenüber als berechnendes Mittel zum Zweck eingesetzt hast, zumal dir in dem Fall hätte klar gewesen sein müssen, wie sehr du mich damit verletzt.

- Sollte das wider Erwarten doch der Fall gewesen sein, dann antworte nicht und melde dich bitte nie wieder bei mir - 

Ich fragte dich nach dem Warum, warum das alles, warum ich. Du sagtest, und ich kann das noch hören, als stündest du jetzt gerade neben mir und sagtest es noch einmal:

"Weil ich es will. Weil ich dich mag. Sehr."

Es klang so bestimmt, so unanzweifelbar. Ich habe es geglaubt.

Du sagtest es in einem so liebevollen Ton, schon fast geflüstert, wie ich es außerhalb einer Hollywood-Filmproduktion noch nie gehört habe.
Du hast mir so bedeutungsschwer und zärtlich die Haare aus dem Gesicht gestrichen, wie es niemand zuvor tat.
In deinen Blicken, Gesten, Küssen und Berührungen lag so viel Gefühl, dass es mir mehr als schwer fällt, zu glauben, dass es Einbildung ist oder nur gespielt war.

Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich dich sehr gut leiden kann und dich attraktiv finde, aber die Vorstellung, dass jemals mehr zwischen uns sein könnte, als eine kurze freundschaftliche Umarmung, war utopisch.
Du hast mir die Utopie genommen.
Du hast mir etwas in Aussicht gestellt, das ich nun nicht haben kann. Das habe ich dir bereits an dem Abend 'vorgeworfen'.
Das Ganze ist so unvorstellbar, so absurd, dass ich manchmal nicht sicher bin, dass es wirklich 'passiert ist'. Es ist wie wenn man versucht, sich an einen Traum zu erinnern und je angestrengter man es versucht, desto ungreifbarer wird er. Dieser Abend ist in meinem Kopf irrealer als so mancher Traum, den ich schon hatte. Einfach weil es immer so realitätsfern war, sich etwas dergleichen vorzustellen. Daher tat ich es nicht. Nun ist es 'passiert', wirklich 'passiert', und ich denke an fast nichts anderes mehr.
Ich frage mich auch, wie das Ganze geendet hätte, wenn ich nicht gesagt hätte, dass ich nicht weiter gehen will, eben weil es für mich mehr wäre als für dich. (Woraufhin du übrigens in demselben Flüsterton sagtest: "Aber küssen darf ich dich; das kannst du mir nicht verbieten" und mich geküsst hast. Nur so als Gedächtnisstütze, da du dich ja auf den Alkohol berufst). Das heißt allerdings nicht, dass ich eine Antwort darauf will.

Ich suche seit Tagen nach dem Warum.

Hier ein Auszug aus meinem Blog:

"Wieso hat er mich geküsst?
Wieso hat er mir so schöne Dinge zugeflüstert?
Wieso hat er mir so zärtlich die Haare aus dem Gesicht gestrichen?
Wieso hat er sich so liebevoll darum gesorgt, dass ich traurig aussehe?
Warum???

War es ein Anflug von Einsamkeit, wie man ihn alkoholbedingt manchmal hat?
War ich die einzige, die gerade zur Stelle war?
War es Neugier auf Knutschen mit Piercing?
War es die Selbstbestätigung, dass er auch mich haben kann, wenn er will?
War es ein alkoholbedingter Totalabsturz des Gehirns und damit ein unerklärliches Phänomen?
War es ein Test?
War es ein gemeines Spiel?

Ich verstehe es nicht."



Nun, du musst mich nicht lieben, du musst dich nicht verlieben, du musst nichts von dem wiederholen wollen.
Du kannst etwas dazu sagen oder auch schweigen.
Du kannst sagen, es war alles bedeutungslos. Das würde ich nicht glauben. Vielleicht stelle ich irgendwann fest, dass es naiv war, aber ich bin sicher, Dinge gesehen und gespürt zu haben, die man so nicht spielen kann.
Ich weiß, dass ich dich auf Kopf-Ebene mehr reize, dir mehr geben kann als viele andere.
Ich weiß auch, dass ich optisch weit von den Anforderungen entfernt bin, die du an eine Frau stellst, mit der du nicht nur befreundet sein willst.
Ich frage mich, ob das für dich ein Interessenkonflikt sein könnte. Ich will keine Antwort darauf. Ich lege nur meine Gedanken dar.
Ich frage mich, was für ein Mensch du bist.

Emotional am Boden. Unter Medikamenten-, Alkohol- und Drogeneinfluss. Zurückgezogener Egoist. Offenkundig ein absolutes Arschloch auf manchen Ebenen (Krass fand ich, wie du über deine Freundin denkst, aber dann zu ihr bist, wie ein Freund zu sein hat. Sie wiegt sich in vermeintlicher Sicherheit, Geborgenheit, während du die ganze Aufrichtigkeit, die in einer Beziehung vorhanden sein sollte, schauspielerst - und versuch erst gar nicht, dies im Nachhinein zu relativieren; deine Aussagen an dem Abend waren deutlich).

Andererseits habe ich manchmal den Eindruck, auch du suchst im Grunde nur deinen Hafen.
Da ich nicht weiß, was dir passiert ist, kann ich es nicht beurteilen; ich gehe davon aus, es wird Gründe dafür geben, dass du dich mit dem oben Genannten betäubst. Was das zurückgezogene, egoistische Arschloch angeht, habe ich das Gefühl, dass du mir entgegenkommst. Ich habe das Gefühl, du versuchst manchmal, Kompromisse einzugehen, mir zuliebe, weil ich dir wichtig bin. Ich kann nicht behaupten, dass du dich mir gegenüber wie ein Arschloch verhältst. Allerdings ist das mit Gefühlen so eine Sache. V. denkt bzw. fühlt sicher dasselbe.
Mein Kopf sagt, dir kann man nicht trauen, nicht im geringsten. Mein Gefühl vertraut dir trotzdem und bildet sich ein, für dich die große Ausnahme zu sein, aus welchem Grund auch immer (J. mal außen vor gelassen).

Tja, ich bin am Ende meiner Ausführungen. Wie immer nach dem Schreiben eines solchen kleinen Romans mit Inhalt 'Gefühlsausbruch', fühle ich mich jetzt ziemlich leer und beruhigt, werde langsam müde.
Ich weiß nicht, was ich noch dazu schreiben soll, ich glaube, es ist von meiner Seite aus alles gesagt.

Ä.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen